Wegsehen oder helfen

Der Deutsche ist noch besser als sein Ruf. Schon bei der Fußball-WM 2006 wurden die Deutschen bereits als "Weltmeister der Herzen" bezeichnet. Doch auch, wenn es ums Helfen geht, sind die Deutschen weltmeisterlich.

Vielleicht ist es ein Ausgleich zu schlanken Prozessen, permanenter Effektivität und dem Messen an Zahlen und Fakten, dass die Menschen sich hingezogen fühlen zu anderen Menschen, helfen wollen, Mensch sein wollen, menschlich eben.

Millionen von Mitbürgern engagieren sich karitativ und in Vereinen. Für die Nachwuchsförderung, für die direkte Nachbarschaftshilfe als Feuerwehrmann oder Sanitäter. Kurzum: Für den gesellschaftlichen Kitt. Nirgends auf der Welt ist das Vereinswesen und das organisierte Miteinander so vielfältig und ausgeprägt, wie in der Bundesrepublik.

Spendenaufrufe im TV gehen zu Herzen und erbringen Rekordsummen für die Katastrophenhilfe. Der Deutsche ist zweifelsfrei ein Helfer, er hat Energien und setzt diese wohltuend ein. Aber es gibt auch die andere Seite des Deutschen: die unfreie. Eine Leere greift um sich und lässt, einem Strudel gleich, Menschen um sich selbst drehen. Burnout heißt das unselige Phänomen.

Dem voraus gingen die Monate und Jahre verplanter Tage: „Keine Zeit, keine Zeit, bin im Meeting, muss noch dies und jenes erledigen!“ Die Knechtschaft des Hamsterrades ist eine weitere Wirklichkeit hierzulande. Sie schuf die Einbildung, dass sich alles verschieben ließe. Aber nur Toten sollte Zeit nichts bedeuten. Im Glauben daran, dass Geld ein Maßstab für Lebensqualität sei, wird die einzige Ressource verschleudert, die unwiederbringlich ist: Lebenszeit.

Viel echtes Leben zog dann schon an einem selbst vorbei. Das echte Leben aber ist nicht der Glaube an das bedruckte Papier Geld, das echte Leben fühlt sich unmittelbar an. Dann, wenn wir aus leuchtenden Augen Dank erhalten, dann, wenn wir uns selbst gegenüber ehrlich bleiben, dann, wenn wir Werte vorleben und bewusst zu Leben verstehen, indem wir Freundschaften und Gemeinschaft pflegen.

Eines Tages ist es ja doch soweit, dass Bilanz gezogen wird. Geschönte Grabreden, die nicht deckungsgleich mit dem gelebten Leben sind, kommen nur allzu häufig vor. Jedoch ist Lebensqualität mit der Wirklichkeit absolut vereinbar. Immer dann, wenn wir bewusst zu leben in der Lage sind. Bewusst leben, bewusst helfen, bewusst genießen, sich bewusst Zeit für die einfachen Dinge des Lebens einräumen.

Wer das Leben bewusst ansieht, der kann bewusst helfen - wer bewusst hilft, der bereichert das Leben. - Seines und das anderer Menschen.